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"Containertagebuch 33"

Berichte
des Norderstedter Hausarztes
Ernst Soldan über seine Arbeit
mit Geflüchteten und Obdachlosen

   
   
   
   

Liebe Fans,
aus persönlichen Gründen krieg ich grad keinen eigenen Bericht zusammen – meiner 95jährigen Tante in Ulricehamn/Schweden geht’s sehr schlecht, ich war grad dort, und muss womöglich bald wieder hin. Wichtig ist mir trotzdem, dass Ihr aus 1. Hand mitbekommt, was in Idomeni passiert, deshalb 2 Berichte von vor Ort und natürlich die Bitte um Spenden, nachdem die griechische Polizei große Teile des letzten Hab und Guts der Geflüchteten mit Bulldozern zusammengeschoben hat:

   
   

 

   
   

IBAN: DE62 2586 1990 0088 5576 00
BIC: GENODEF1CLZ
Kontoinhaber Ottavio
Verwendungszweck:
Spende Flüchtlingshilfe Joost

   
         
   

Nahe bei Idomeni und im Krankenhaus Kilkis –
Nacht vom 28./29.5.2016
(Bericht von Joost/Arzt)

   
         
    Tage ist das winzige Baby alt. Es schläft in einem kleinen Igluzelt direkt an der Autobahn mit seinen zwei Geschwistern, seiner 24 j. Mutter und dem Vater. In dieses Zelt wurden wir kurz vor Mitternacht gerufen. Die Mutter hat furchtbare Schmerzen. Schuhe aus und in das winzige Zelt gekrochen. Rucksack aufgemacht Blutdruckmessgerät, Stethoskop, Thermometer ausgepackt. Einmal Untersuchung im Knien. Uff. Wieder auf die Beine gehievt. Mist mein linkes Bein ist eingeschlafen. Humpelnd Schuhe wieder an, zum Auto gehumpelt und aus dem anderen Rucksack weitere Diagnostik geholt. Wir untersuchen und beraten uns. Der junge Mann spricht Englisch. Wir lassen uns genau alle vorhandenen und eingenommenen Medikamente zeigen und erklären. Dafür, dass die Mutter stillt, ist es eine ganze Menge. Alles in allem haben sich schon mehrere ÄrztInnen versucht – ohne Erfolg. Also werden, angesichts des hochakuten Zustands, weitergehende Untersuchungen notwendig. Wir schlagen vor, ins Krankenhaus zu fahren. Vater und Mutter sind in größter Sorge, von der Polizei gehindert zu werden, nach der Krankenhausbehandlung ins Camp zurück zu kehren und dadurch die Kinder zu verlieren.    
         
   
    Bild: Hubertus Stahlberg, Idomeni, Anfang Mai 2016    
         
   

Die Furcht ist nachvollziehbar. Haben doch schon so viel Menschen ihre Kinder oder Familienangehörige auf der Flucht verloren und bisher nicht wieder gefunden. Aber was soll man angesichts des akuten Zustands machen? Nochmal eingehende Beratungen über die verschiedenen Optionen, dann stimmen beide zu ins Krankenhaus zu fahren.
Ich telefoniere mit einer sehr netten Frau in der Leitstelle und die Ambulance wird uns für in 25 min zugesagt. Kaum am Auto zurück sind wir umringt von jungen Männern. Einer mit seit einer Woche quälendem Durchfall – bekommt Medikamente. Der nächste mit einer Schnittwunde – wird inspiziert und auf morgen vertröstet. Und der vierte, den wir vorgezogen hatten, mit einer ziemlich wahrscheinlichen Fraktur des Armes. Die wunderbare Rettungssanitäterin packt alle in den Rettungswagen, um sie ins Krankenhaus zu bringen. Wir verlieren die Ambulance aus den Augen und verfahren uns schrecklich. Allen, die versucht haben uns trotz nachtschlafender Uhrzeit mit Navigationsempfehlungen beizustehen herzlichen Dank.
Als wir im Hospital ankommen, sind beide schon untersucht und z. T. auch verarztet. Röntgenbilder, Gipsverbände, Medikamentenempfehlungen. Wir lassen uns die Empfehlungen von sehr freundlichen Ärzten ins Englische übersetzen. Dann bitten wir um einen Rücktransport und dieser wird von MSF zugesagt. Während der Wartezeit, diskutieren wir mit einer griechischen Mitarbeiterin des Krankenhauses über die Not in Griechenland, die Menge an Flüchtlingen und ihre Bedürfnisse. Nach einiger Uneinigkeit können wir uns schließlich darauf einigen, dass es eine der typischen christlichen Traditionen ist, zu teilen. Die Unterhaltung war zäh und wir hoffen, dass sie geeignet ist, den Flüchtenden mit weniger Abwehr zu begegnen.
Morgen geht’s weiter.
Apropos, die Angst der Menschen vor Verlust der Angehörigen ist riesig. Es ist schwer auszuhalten dies zu beobachten. Es werden dringend Bleibeperspektiven für alle gesucht. Was tun wir diesen jungen Menschen an, in dem wir die Grenzen verschließen. Es ist unvorstellbar unter den Bedingungen in den Camps länger als drei Tage zu leben. In winzigen Zelten seit mehreren Monaten.

   
    OFFENE GRENZEN UND
SICHERE FLUCHTWEGE SOFORT!
   
         
   

Bericht von Grit Weingart 28.5., 2:20 Uhr:

   
   

 

   
   

Idomeni ist leer. Leergefegt muss man sagen. Denn all das, was dort in den letzten Wochen von unterschiedlichsten Hilfsorganisationen und mit weltweiten Spenden aufgebaut wurde, wird vom Bulldozer zusammengekarrt. Z. B. eine 9.000 Euro teure Küche, die vor kurzem auf dem Feld errichtet wurde. Duschanlagen, tausende Zelte mit Decken, kleinen Kochstellen, gespendeter Kleidung, Seifenvorräten, Spielzeuglager … alles zusammengeschoben, was die Flüchtlinge nicht tragen konnten. Nun sitzen sie in ihren neuen Unterkünften. Ja, sie haben ein Dach überm Kopf, der nächste Sturmregen kann ihnen nichts anhaben. In riesigen alten leerstehenden Lagerhallen (in denen der Lärmpegel nienienie abebbt) stehen Zelt an Zelt, was ein Mindestmaß an Intimität zu bieten scheint. Doch wer sich nicht schnell um Beziehungen kümmert, lebt mit drei Familien in einem Großzelt oder muss zusehen, dass er am Rand und ohne Strom im Minizelt ausharrt. Wie lange? Was passiert jetzt? Lehnt sich die EU jetzt noch weiter zurück? Ist die Situation unter Kontrolle? Nein. Das Wasser reicht nicht aus, die Dixi-Klos werden nicht oft genug sauber gemacht, Stromstellen sind viel zu wenig, das Essen in Plasteschalen – Einheitsbrei für x verschiedene Nationalitäten. Und wie es erst wird, wenn der nächste Winter kommt …

Der Status der Syrer als Flüchtlinge, der ihnen bessere Aussichten für die Zukunft gewährt, verschärft die Situation unter den Flüchtlingsgruppen. Wie die Arbeit der Hilfsorganisationen weitergehen kann, ist ungewiss, nicht überall werden sie / wir hineingelassen. In den Camps erschreckt mich oft die plötzliche ausufernde Aggressivität von Kindern, die Geschwister oder auch Wildfremde einfach schlagen. Und ich denke, wir züchten uns hier Zeitbomben heran. Wenn wir sie so in Dreck und Elend aufwachsen lassen, werden sie sich bald massiv gegen uns wenden. Nur eine wirklich gute Aufnahme und Versorgung könnte ihnen und uns eine friedliche Zukunft gewähren. Aber das scheint in noch weitere Ferne gerückt zu sein …

   
   

 

   
   

Hilfskonvoi aus Hamburg
(Bericht Nadja Frenz):

   
   

 

   
   

Wir fahren am 16. Juni mit einem 3,5- und einem 7,5-Tonner nach Nordgriechenland, wo Zigtausende geflüchtete Menschen gestrandet sind, weil die europäische Politik versagt hat und die Grenzen geschlossen sind. Inzwischen ist zwar das große Camp in Idomeni geräumt. Aber die Geflüchteten werden weiterhin in Griechenland aufgehalten – der Bedarf bleibt also und wir sind mit erfahrenen NGO’s im Norden des Landes in Kontakt. Bislang möchten wir mitnehmen:

   
   

Sonnenschutzcreme für Kinder und Erwachsene
Mückenschutz
Zelte
Schlafsäcke
Decken
Planen
Solarlichter Spielzeug (kleine Autos, Stifte) Leichtw Schuhe Flipflops
Unterwäsche Zahnbürsten, Zahnpasta
Hygieneartikel
Windeln in allen Größen
Feuchttücher und Babynahrung für jedes Alter wird auch dringend in den Camps benötigt.

   
   

Die Sach-Spenden könnt Ihr abgeben bei:

   
   

Hanseatic Help e.V. – Kleiderkammer,
Große Elbstraße 264, 22767 Hamburg,
Abgabezeiten:
Do bis Di 10 – 20 Uhr (Mittwoch Ruhetag)

Kontonummer für diesen Konvoi
(Stichwort nicht vergessen!):
BaSchu e.V.
IBAN: DE50 2007 0024 0320 8329 00
BIC: DEUTDEDBHAM
Stichwort: „Hamburg hilft“

Oder – falls Ihr näher dran wohnt und Euch auch noch vor Ort informieren möchtet: Jeden Samstag von 16 – 19 Uhr haben wir eine mobile Spendenannahme bei den Fahrradcontainern von Westwind an der Rindermarkthalle im Karolinenviertel, Neuer Kamp 31, 20350 Hamburg.

   
   

 

   
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Letzte Änderung:
31/12/17


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