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"Containertagebuch 58"

Berichte
des Norderstedter Hausarztes
Ernst Soldan über seine Arbeit
mit Geflüchteten und Obdachlosen

   
   
   
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Liebe Leut’,  

das hat jetzt ein bissl gedauert. Inzwischen ist mein linkes Auge repariert und guckt wieder einwandfrei, mit dem rechten geht’s noch, aber das kommt Ende Oktober dran. Derzeit bin ich wieder in Aktion.

Horst/Mecklenburg, 3.8.2018
Die ärztliche Versorgung dort war noch nie berauschend, aber jetzt finden nur noch sporadisch Sprechstunden des Medizinischen Dienstes dort statt, meist ist die Tür zur Krankenstube zu. Der letzte Arzt, der da regelmäßig Dienst zu tun versuchte, kam selber ins Krankenhaus, und zeitgleich wurden Fehlbestände im Medikamentenschrank festgestellt. Das ist kein böses von linken Flüchtlingsfreunden in die Welt gesetztes Gerücht, sondern stand in der örtlichen Presse:
https://www.svz.de/regionales/mecklenbur...id19294851.html

Eigentlich hat Hamburg „seinen“ Geflüchteten ja freie Arztwahl eingeräumt (Bremen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen auch), so dass die auf „Hamburger Ticket“ in Horst Untergebrachten eigentlich Versicherungskarten der AOK Bremen (die das bundesweit erledigt) bekommen müssten. Bisher haben wir dort noch keine gesehen, die Arztversorgung gleicht einem Lotteriespiel, und wir lesen immer wieder Krankenhausbriefe auch von Schwerkranken, wo Kontrolltermine eingefordert sind, die schon wieder in der Vergangenheit liegen. In so einem Fall schreibe ich ein Attest, dass dem Arzt (so mal anwesend) oder der Sozialarbeiterin vorgelegt werden soll, in der Hoffnung, dass dann etwas passiert.

Wen es als Diabetiker nach Horst verschlägt, der hat Pech. Diabeteskost „is nich“, der muss gucken wie er mit der kartoffel- und nudellastigen Normalkost zurecht kommt. Im Krankenhaus werden die Betroffenen auf Insulin eingestellt, bekommen ein Zuckermessgerät und Teststreifen und werden nach Horst entlassen, sobald sie mit Gerät und Spritzplan leidlich zurecht kommen. In Horst, da Diät nicht möglich ist und alle das gleiche Essen bekommen, bringt das Insulin nicht mehr viel, und die Blutzuckerwerte sind entsprechend katastrophal. Und das liegt nicht an der Messtechnik oder am Blutzuckergerät, die von mir gemessenen Werte sind auch nicht besser. Abhilfe könnte nur durch Unterbringung der betroffenen Familien in einer eigenen Wohnung schaffen, mit der Möglichkeit, die Ernährung selber zu organisieren.

Update 16.9.18:
Inzwischen finden regelmäßig Mahnwachen in Horst statt, mehr dazu hier: 
http://bleiberecht-mv.org/de/2018/09/16/medizinische-versorgung-in-horst-katastrophal/

Hamburg-Wandsbek, ein paar Tage später
Die Kinder sind übersät mit Insektenbissen, es juckt gottserbärmlich. Die Übeltäter sind bereits ausgemacht, es sind Bettwanzen, der Vater hat welche in einer Tupperdose mitgebracht, die rühren sich nicht mehr, aber die er per Handyvideo auf seiner Bettdecke erwischt hat, sind umso lebendiger. Das Problem besteht bereits seit einem halben Jahr, der Kammerjäger war schon dreimal da, gestern wieder. Unmittelbar danach bekam die Familie Verwandtenbesuch, heute hat es deren vierjährigen Buben voll erwischt. Kleider und Bettwäsche sind komplett gewechselt, womöglich ist die Matratze dran schuld, die aus einer stillgelegten Erstaufnahmeunterkunft stammt und nicht ausgewechselt wurde.

Das Asylverfahren hat die Familie erfolgreich durch, sie leben in einem Container, einer sogenannten Folgeunterkunft. Das Team des Integrationskurses fordert die Unterkunftsleitung auf, die Familie woanders unterzubringen, bis die Zimmer komplett saniert sind. Der zuständige Verwaltungsmensch erklärt daraufhin, die Familie sei über drei Jahre hier und habe gar keinen Anspruch mehr auf eine Folgeunterkunft, sie solle sich eine Wohnung suchen. 
Jetzt find mal in Hamburg eine Wohnung. Der Flurfunk verrät uns, dass der eben erwähnte Sesselfurzer seit zwei Jahren selber auf Wohnungssuche ist. 

Zum Thema Chemnitz ...
Einfach nur noch furchtbar. Der Tod – wie, warum ist noch nicht klar – eines deutsch-kubanischen Stadtfestbesuchers und Antifaschisten wird von Naziverbrechern incl. AfD zum Vorwand einer beispiellosen Hetzjagd genommen, und nach weiterer Abschottung und Abschiebung gegeifert – als ob das Opfer ohne Abschiebung noch leben könnte. Man kann die Rechnung auch andersherum aufmachen:
— Vor zwei Monaten hat ein 49-jähriger Flüchtling aus Syrien in Meschede ein dreijähriges Kind vor dem Ertrinken gerettet.
— Im November 2017 hat in Swisttal ein Flüchtling aus dem Irak eine vierköpfige Familie aus brennendem Haus geholt.
— Ebenfalls im November 2017 hat ein Flüchtling aus Syrien in Hildesheim eine Frau gerettet, die von ihrem Ex-Partner angegriffen und niedergestochen wurde.
— Im Mai 2016 hat ein Flüchtling aus dem Irak in Bonn einen 16-Jährigen vor dem Ertrinken bewahrt.
— Im März 2016 hat ein Flüchtling aus dem Irak in Osnabrück nach dem Absturz eines Kleinflugzeugs das Leben des Piloten und seines Copiloten gerettet. 

Man könnte die schwachsinnige AfD-Argumentation übernehmen und sagen: Diese neun Menschen wären jetzt tot, wenn es Merkels damalige Politik der offenen Grenzen nicht gegeben hätte. Und es wäre mehr als angebracht, wenn die Heldentaten dieser Flüchtlinge auch nur ansatzweise so viel Beachtung fänden, wie die vereinzelt von Geflüchteten begangenen Verbrechen.

... und Seenotrettung:
Rettung von Geflüchteten aus dem Mittelmeer und ihre Einreise nach Europa ist natürlich Menschenpflicht, ihre Behinderung und Diffamierung Verbrechen. Zumal unsere Eliten die Fluchtursachen selbst geschaffen haben, zum Beispiel durch Exporte subventionierter Landwirtschaftsprodukte und in Folge Ruinierung einheimischer Bauern, Fischer und Textilmanufakturen, oder durch Rüstungsexporte in Konfliktländer:
https://www.zdf.de/dokumentation/zdfzoom/zdfzoom-der-wahnsinn-mit-dem-weizen-100.html
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fischfang-wie-eu-staaten-das-meer-vor-westafrika-leerfischen-1.3687643
https://www.dw.com/de/ostafrika-k%C3%A4mpft-weiter-gegen-second-hand-kleidung/a-42744807
https://www.einewelteinezukunft.de/ruestungsexporte-deutschlands/

Deshalb werde ich weiter für Seenotrettung und gegen Abschiebung, Rassismus und Naziterror auf die Straße gehen.

TAS Norderstedt 5.9.18
Marek und Jola (Namen geändert) sind alkoholkrank und leben auf der Straße, unter anderem vom Verkauf des Straßenmagazins "Hinz und Kunzt" (https://www.hinzundkunzt.de/). Jola ist trocken und krankenversichert, Marek nicht. Deshalb ist es auch nicht möglich, ihn im Krankenhaus entgiften zu lassen, weil das kein Notfall ist. Immerhin ist er, nachdem er immer elender aussah, dort als Notfall untersucht worden, Ergebnis: Der erwartete Lebenschaden, aber keine bösartige Erkrankung wie zunächst befürchtet.

Entgiften muss er also allein, und das wird schwierig. Gestern hat er angefangen und nichts mehr getrunken, jetzt sitzt er zitternd vor mir. Immerhin hat er noch keinen Krampfanfall gehabt. Im Krankenhaus gibt man den Leuten Beruhigungsmittel wie Diazepam, gegen das Zittern, die Unruhe und zur Vorbeugung von Krampfanfällen. Aber die kriegt man nicht so einfach.

Da trifft es sich gut, dass mir ein regelmäßiger Containertagebuch-Leser kürzlich 50 Euro in die Hand gedrückt hat, „für deine Arbeit“. Ich gehe also in die nächste Apotheke, lege meinen Arztausweis vor und kaufe die Tabletten. Erkläre der Apothekerin auch, was ich damit will. Vorher habe ich mich in der zuständigen Psychiatrie erkundigt, wie man die Dinger bei einem Entzug dosiert. Wobei das nicht so einfach ist, wenn man den Menschen nicht ganztags unter Kontrolle hat, und ich deshalb nicht bei weitem so hoch dosieren kann wie in der Klinik.

Zurück in der TAS, bekommt der zitternde Marek eine Tablette zum Einnehmen – schon bald wird er ruhiger und zieht sich auf ein Sofa zurück. Eine Stunde kann ich ihn noch beobachten, dann ist meine Sprechstunde zu Ende. In der Stunde passiert nichts, Jola bekommt drei Tabletten von mir mit dem Auftrag, ihm die nach und nach zu geben, und auf jeden Fall eine für abends vorm Schlafengehen aufzuheben. Morgen wollen wir uns wieder in der TAS treffen, dann sehen wir weiter. Für Notfälle hat die TAS meine Mobilnummer.

Ob das klappt, weiß ich nicht. Weil so eine Entgiftung während der Obdachlosigkeit schwieriger ist als in einer Wohnung. Aber Marek hat bessere Chancen als andere „Kollegen“, weil er eine Freundin hat, die sich um ihn kümmert. Das haben nicht viele Männer in dieser Lage. Und eine die sich mit Alkoholentgiftung auskennt. Weil sie das schon selber durchgemacht hat, und nicht nur einmal. 

TAS Norderstedt 6.9.18
Als ich heute in die TAS komme, schleicht Marek herum wie ein Zombie, aber er sagt, es gehe ihm besser. Im Entzug, das weiß ich, ist so etwas normal, es ist jetzt sein 3. trockener Tag, das Schlimmste wahrscheinlich schon vorbei. Jola ist unterwegs, so lasse ich ihn eine Diazepam schlucken (die letzte hat er gestern Abend genommen) und gebe ihm zwei, eine für heut Abend und eine für morgen früh. Morgen Mittag bin ich eh wieder da.
Eine Mitarbeiterin fragt mich, ob ich keine Angst hätte, dass er die auf einmal nimmt. Nein, ein bisschen Vertrauen muss ich zu den Leuten schon haben, ich mach das ja schon ein paar Jahre. Und seine Freundin ist auch noch da. Ich hab das Gefühl, im Moment sind die Chancen für die beiden gut, zumal das Wetter warm und trocken ist – gute Möglichkeiten zum „Platte machen“, d.h. draußen schlafen. Mehr geht halt nicht.

Ich bin schon fast weg, da steckt mir Piotr (Name geändert) seinen geschwollenen Fuß entgegen. Alte verschorfte Operationsnarbe, der Fußrücken ist fleckig-rot. Sieht nach Erysipel d.h. Wundinfektion aus.  Den Schorf lassen wir lieber drauf, so schlimm sieht das um die Narbe nicht aus. Aber Antibiotika könnte der Mann gebrauchen, sowas hab ich nicht im Kofferraum. Aber zum Glück ist von Thomas’ Spende noch was da, also wieder in die Apotheke, 30 Tabletten Clindamycin 600 gekauft für 27 Euro, die Diazepam hatten 13 gekostet – da waren’s nur noch zehn.
Ich erkläre Piotr, dass er jetzt drei Tabletten pro Tag nehmen muss, morgens, mittags und abends, bis die Packung leer ist. Ob das klappt?? Sein Deutsch ist lückenhaft.

Ich sag den andern am Tisch, sie möchten mit aufpassen, dass er die Tabletten nimmt – ein alter Deutscher setzt das gleich um, mit entsprechender Gestik: „Du essen Tablette, sonst Bein ab!“
Update 12.9.18
Marek ist erstmal „durch“ mit dem Entzug und auf einem guten Weg, Piotr ist nicht mehr aufgetaucht.

Euer Ernst Soldan. 

   
   

… Bis demnächst!

   
   

 

   
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Letzte Änderung:
19/9/18
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