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  "Containertagebuch 65"

Berichte
des Norderstedter Hausarztes
Ernst Soldan über seine Arbeit
mit Geflüchteten und Obdachlosen

   
   
   
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Norderstedt, Juli 2019
Inzwischen bin ich hinsichtlich der Bedeutung des Messers auf dem Bauch von Verstorbenen schlauer - mehr dazu: http://www.containertagebuch.de/CTB-64/Soldan-Bericht-64.html Tatsächlich ist dieser Brauch nicht ursprünglich muslimisch, sondern schamanistisch. Demnach geht es auch nicht primär um ein Messer oder einen Dolch, sondern um einen metallenen Gegenstand, einen, den der Schmied gemacht hat - der Mensch, der die Kraft hat, das Feuer zu zähmen.
Mit Hilfe dieser Kraft sollten dann böse Geister abgehalten werden. Die Idee mit den Bauchgasen ist wohl eine spätere Rationalisierung, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass man an böse Geister glaube.

   
   

Horst/Mecklenburg, Ende September 2019

Ab Oktober werden keine Geflüchteten aus Hamburg mehr in der "Erstaufnahme" Nostorf/Horst untergebracht. Das ist erstmal gut.
Flüchtlinge aus Mecklenburg-Vorpommern müssen allerdings weiterhin in diesem entlegenen Lager ohne hinreichende Verkehrsanbindung wohnen, weshalb unsere Anwalts- und Arztsprechstunden weiterhin notwendig sind und auch nachgefragt werden.
Allerdings verweigert die Lagerleitung, die uns schon immer, wo es ging, Knüppel zwischen die Beine geworfen hat, jetzt dem Flüchtlingsrat Hamburg die Benutzung des Flüchtlingsratscontainers, d.h. sie wollen uns den nicht mehr aufsperren, mit der Begründung, dass eine Beratung Hamburger Geflüchteter nicht mehr notwendig sei, weil es keine mehr gibt. Dass wir natürlich genauso nach Mecklenburg-Vorpommern verteilte Flüchtlinge beraten - bzw. bisher nach der "Zugehörigkeit" nur gefragt haben, wenn beratungstechnisch erforderlich, etwa um Zuständigkeiten herauszubekommen - ist von offizieller Seite unerwünscht.
Gefallen lassen wir uns das natürlich nicht, und werden weiter nach Horst fahren.

     
   

Hamburg-Marienkrankenhaus, 21.9.2019

Heute sollte das erste Kind von Neslihan K. zur Welt kommen. Sie liegt - laut Hamburger Morgenpost - bereits im Kreißsaal.
Die Fruchtblase ist geplatzt, und gegen 12 Uhr verspürt Neslihan Wehen. Aber, nicht nur, dass stundenlang keine Schwester, Hebamme oder Arzt nach ihr sieht, sie wird gegen 14:45 auch noch aus dem Kreißsaal in ein normales Krankenzimmer verlegt, weil eine andere Geburt vorgezogen werden soll. Aufgrund zunehmender Schmerzen wird gegen 16:00 ein erneutes CTG gemacht, das keine kindlichen Herztöne mehr zeigt - bei den bisherigen Untersuchungen sei noch alles in Ordnung gewesen.
Ein Notkaiserschnitt kommt zu spät, der kleine Junge ist bereits tot. Über die jetzt folgenden Untersuchungen ist noch nichts bekannt. Hier der MoPo-Bericht
Ich wage zu behaupten, dass eine Mutter namens Beatrix oder Sophie-Charlotte anders behandelt worden und eine solche Tragödie unwahrscheinlich gewesen wäre. Bei solchen Katastrophen sind nach meinen Informationen Migrantinnen gehäuft betroffen.
Offensichtlich haben Frauen, die nicht so aussehen, als hätten sie ausschliesslich europäische Vorfahren, auch in Deutschland erhöhte Risiken, in Krankenhäusern unter die Räder zu kommen, ähnlich wie Afro-Amerikanerinnen in den USA, wovor nicht einmal die Prominenz einer Serena Williams schützt, wie eine Reportage beweist - Siehe: Serena Williams in VOX.
Und das ist kein neues Phänomen. Mitte der 70er bekam ich als Redakteur unserer Heidelberger Medizinstundentenzeitung einen Bericht in die Hand und veröffentlichte ihn dort. Danach starb am 21. Juni 1974 in Aachen die 27jährige Jamina Abdeljaliki, Ehefrau eines marokkanischen Migranten, an einer Darmlähmung, unmittelbar sie nachdem von Professort Martin Reifferscheid, dem angesehener Autoren eines Chirurgie-Lehrbuchs, im Hörsaal als "ein akuter Fall von Volvulus" vorgeführt worden war, während sie sich erbrach, schrie und sich in Schmerzen wand. Sie wurde noch aus dem Hörsaal geschoben, vier Minuten später war sie tot.
Bevor die Staatsanwaltschaft die Leiche beschlagnahmen und an der Bonner Universität obduzieren lassen konnte, waren ihr die Aachener Kollegen des Herrn Reifferscheid zuvorgekommen und hatten Leber, eine Niere, den Darm und innere Genitalien, mithin alle Organe, aus denen man wichtige Erkenntnisse hätte ziehen können, entfernt und verbrannt. Die folgenden Ermittlungen verliefen im Sand. Ein Flugblatt, das anwesende Studenten verfasst hatten, wurde auf Betreiben der Hochschulleitung beschlagnahmt ("Bruch der Schweigepflicht").
Quelle: Spiegel
Der Herr Professor durfte unbehelligt weiter wirken, bis er 1982 feierlich verabschiedet wurde und 1993 hochgeehrt starb.
Jamina Abdeljaliki hätte sich, zu diesem Zeitpunkt 46jährig, vielleicht auf ihr erstes Enkelkind gefreut.
Was Reifferscheid, Jahrgang 1917, während der NS-Diktatur getrieben hat, lässt sich von hier aus nicht eruieren. Immerhin waren fast die Hälfte aller deutschen Ärzte NSDAP-Mitglieder gewesen, viele an Verbrechen beteiligt - mehr hier:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_NS-Ärzten_und_Beteiligten_an_NS-Medizinverbrechen
Es war für uns als Medizinstudenten in den 70ern nicht ganz einfach, Lehrbücher von NS-unbelasteten Autoren zu bekommen. Mein antiquarisch erworbenes und in der DDR gedrucktes Anatomie-Lehrbuch stammte zB von einem Hermann Voss, von der DDR-Regierung immerhin als "Hervorragender Wissenschaftler des Volkes" geehrt, der in seinem Posener Tagebuch Sätze vom Stapel lässt wie: "Die ( ... ) erschossenen Polen werden hier nachts eingeliefert und verbrannt. Wenn man doch nur die ganze polnische Gesellschaft so veraschen könnte.
Das polnische Volk muss ausgerottet werden, sonst gibt es hier keine Ruhe im Osten“.
Oder der Wiener Professer und SA-Obersturmbannführer Eduard Pernkopf, in dessen Anatomieatlas viele Präparate abgebildet waren, die von ermordeten politischen Gefangenen stammten.
Wir wussten das damals nicht. Aber damals haben viele nichts gewusst.

   
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Letzte Änderung:
01/10/19
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