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"Containertagebuch 70"

Berichte
des Norderstedter Hausarztes
Ernst Soldan über seine Arbeit
mit Geflüchteten und Obdachlosen

   
   
   
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    Horst/Mecklenburg 30.5.2021

Weiterhin an jedem letzten Sonntagnachmittag eines Monats veranstaltet "Pro Bleiberecht Mecklenburg-Vorpommern" eine Mahnwache vor dem inzwischen mit geschätzt hundert Menschen belegten Flüchtlingslagers Nostorf/Horst - davon vermehrt Kurdinnen und Kurden aus der Türkei, als Ausdruck des vermehrten Terrors des Erdogan-Regimes gegen diese Menschen - mit gespendeter Kleidung plus Kinderspielzeug, juristischer und medizinischer Beratung, Musik und Kinderspielaktionen. Kaffee und Kuchen oder Suppe darf aus Seuchenschutzgründen derzeit nicht ausgegeben werden, auch müssen die Aktivistinnen und Aktivisten ihre Blasen- und Darmfunktionen so weit unter Kontrolle haben, dass sie zwei bis drei Stunden ohne Toilette auskommen, denn die Benutzung des Toilettencontainers verwehrt uns die Lagerleitung - dort dürfen nur Bewohnerinnen und Bewohner hin.

 
Regelmäßige Arztsprechstunden gibt es weiterhin nicht, lediglich eine Krankenschwester hält die Gesundheitssprechstunden ab und verteilt Ibuprofen oder Salben, wesentlich andere Arzneimittel scheinen laut Bewohner/innen nicht vorrätig zu sein. Facharzt- oder Krankenhausüberweisungen stellen die zeitweise anwesenden Ärzte nach Gutdünken aus: Oft erstmal gar nicht, und dann wird plötzlich eine eingehende Diagnostik veranstaltet, die ich nicht besser hätte machen können. Hängt wohl von der Person oder deren aktueller Stimmung ab. Insofern hoffe ich, dass die Empfehlungen, die ich einzelnen Bewohner/innen schriftlich mitgebe, im Einzelfall Gehör finden, zumal dann offensichtlich wird, dass die Betroffenen trotz der abgelegenen Örtlichkeiten nicht allein sind. Überrascht hat uns, dass jetzt nach mehreren Corona-Ausbrüchen endlich Impfungen dagegen stattgefunden haben, und die Nachimpfung bevorsteht. Wie viele davon profitieren, und nach welchen Kriterien Menschen dort geimpft werden oder nicht, wissen wir nicht.
 

Norderstedt, Mai 2021

In die Tagesaufenthaltsstätte für Wohnsitzlose TAS kehrt langsam das Leben zurück. Zwar dürfen - Stand Ende Mai - Klienten noch nicht ins TAS-Gebäude, ausser zum Duschen oder zur Einzelberatung, aber in begrenzter Anzahl ihre Mahlzeiten wieder im Zelt davor einnehmen, und müssen sich nicht mehr, wie bisher, mit ihrem in Plastikgeschirr abgefüllten warmen Essen - die Küche war die ganze Zeit in Betrieb - irgendwohin auf eine nahe gelegene Bank oder ähnliches verziehen. Auch hat die Stadt Impftermine für Helfer/innen und Klienten organisiert. Kann also sein, dass ich auch hier demnächst wieder mehr Arbeit bekomme.

Hamburg Nähe Norderstedt, irgendwann im Frühjahr.

Ich steige in den Bus nach Hause, und der Fahrer begrüßt mich: "Hallo Doktor". Das passiert mir hier zwar nicht selten, aber dieses Mal gehört der Fahrer einer vor kurzem noch von Abschiebung bedrohten Familie an, deren Bleiberecht Flüchtlingshelfer/innen vor Ort erkämpft und die wir soweit nötig medizinisch versorgt haben, zum Teil mit Unterstützung benachbarter Facharztpraxen, und das ohne Krankenversicherung. Sie sind inzwischen also angekommen, und jetzt sorgt der Familienvater dafür, dass ich rechtzeitig daheim ankomme.

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Letzte Änderung:
31/05/21
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